Die Oberbadische / Weiler Zeitung / Markgräfler Tagblatt  Dienstag, 27.10.2009
 

Jazzkooperation mit virtuosem Ergebnis  

„Jazz in Weil“ wartete am Samstag mit einem besonderen Leckerbissen im Haus der Volksbildung auf.

Weil am Rhein. Unter dem Titel „Vocalswing in großer Besetzung“ hat der Jazzchor Freiburg seine Deutschlandtournee mit der norwegischen Sängerin Torun Eriksen gestartet. Der Auftakt erfolgte am Samstag Abend im Weiler „Haus der Volksbildung“. Zugleich war es die würdige 80. Veranstaltung der von Dieter Brunow initiierten Konzertreihe „Jazz in Weil“. Der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt.

Als Bertrand Gröger, Leiter des Jazzchors Freiburg, eines Tages eine CD von Torun Eriksen geschenkt bekam, hörte und mit wachsender Begeisterung immer wieder hörte, beschloss er, die Norwegerin anzuschreiben. Ob sie sich eine Zusammenarbeit mit dem Freiburger Jazzchor vorstellen könnte? Torun Eriksen ging auf den Vorschlag ein. Seit 1997 arbeitet man nun zusammen. Die gemeinsame Tour durch Japan und Südkorea war ein vorläufiger Höhepunkt dieser Kooperation.

Der Jazzchor Freiburg, 1990 von Bertrand Gröger ins Leben gerufen, zählt zu den erfolgreichsten Gesangsformationen der Region. Mit swingender Bühnenpräsenz und fröhlicher Ausstrahlung versteht es das Ensemble, die Freude am Singen unmittelbar ans Publikum weiterzugeben. Begleitet von Piano, Bass und Schlagzeug eröffneten die Sängerinnen und Sänger den Konzertabend - und begeisterten schnell: präzise Scat-Chorsätze, lustvolle Shout-Chorusse, klassische a-cappella-Gesänge und vielfache Anleihen an das Vokalquartett „Manhattan Transfer“ sind die markanten Charakteristika. Die für den Chor passgenau neuarrangierten Standards und Klassiker ernten reichlich Beifall. Fast noch überwältigender klingen die virtuos interpretierten Stücke aus anderen Musiktraditionen. Feurig und mitreißend etwa das afrikanische Stück „Amezaliwa“ im ersten Teil sowie ein argentinischer Tango Nuevo oder die brasilianische Sambanummer „Ey Macalena“ im zweiten.

Empfangen von tosendem Applaus betritt schließlich Torun Eriksen die Bühne. Bislang zwei veröffentlichte Soloalben (ein drittes folgt Anfang 2010) verschafften der 32jährigen Sängerin internationalen Bekanntheitsgrad. Mit virtuoser Gesangstechnik und einer sanften, unverstellt klaren Stimme präsentiert sie einen außergewöhnlichen, unverkennbar eigenen Stil. Wo andere, um Intensität auszudrücken, lauter, kraftvoller und voluminöser zu werden pflegen, zelebriert Torun den zarten, fast verschwindend leisen Ton.

Zu hören gibt es zum einen die sehr textschönen Lieder der Songwriterin, zum anderen Stücke des Chors, die Torun Eriksen ebenso seelenvoll wie das eigene Material interpretiert. Beeindruckend dabei, wie der Chor und seine renommierte Solistin harmonieren und interagieren, wie der Chor sich in Toruns Stücken „So real“ und „Joy“ mal zum zurückhaltenden Stimmenorchester verwandelt, dann wieder mit komplexen Arrangements die Hauptrolle übernimmt. „Ich lerne sehr viel“ sagt Torun Eriksen über die Zusammenarbeit mit dem Jazzchor und spricht von einer „großartigen Erfahrung“. Die ist es auch für die Zuhörer, die stellenweise begeistert mitklatschen, mitsingen und natürlich Zugaben verlangen.

Autorin: Veronika Zettler



Torun Eriksen und der Jazzchor Freiburg gestalteten das 80. Konzert der Reihe „Jazz in Weil“.
Foto: Veronika Zettler

 



 

 

 

 

Badische Zeitung, Dienstag, 27. Oktober 2009
 

Eine berührende Sanftheit

Die Sängerin Torun Eriksen und der Jazzchor Freiburg gaben ein großartiges Konzert.

Einen der Höhepunkte in der nunmehr seit 22 Jahren bestehenden, von Dieter Brunow in Leben gerufenen Konzertreihe "Jazz in Weil" erlebten die Besucher am Samstagabend im ausverkauften Haus der Volksbildung. Der Jazzchor Freiburg startete hier gemeinsam mit der norwegischen Sängerin Torun Eriksen seine aktuelle Tournee und löste mit einem faszinierenden Konzert beim Publikum wahre Begeisterung aus.

Locker swingend, dabei voller Energie legte der Chor los, so dass sich die Freude am Gesang der rund 35 Chormitglieder sogleich auf die Zuhörer übertrug. 1990 gegründet, hat der Jazzchor Freiburg in den vergangenen fast zwei Jahrzehnten bei Tourneen durch Deutschland und Europa, nach Russland und Japan bewiesen, dass er zu den herausragenden Vokal-Jazz-Ensembles gehört. Bertrand Gröger, Gründer und Leiter des Chors, versteht es, enorme Leistungen aus seinen Sängerinnen und Sängern herauszuholen und das Ensemble engagiert und mit Humor durch die nicht einfachen Stücke und Arrangements zu führen.

Präzise, dynamisch und mit überzeugendem Ausdruck verlieh der Chor Swing-Titeln aufregende Lebendigkeit, begleitet von einem Trio aus Piano, Bass und Schlagzeug. Aber auch a cappella bezauberte der Jazzchor sein Publikum mit ausgefeilter Harmonik, mit sehr viel Rhythmik, die teils mit Klatschen und Steppen unterstützt wurden, wie auch mit Scat-Gesang-Einlagen. Unglaublich vielfältig ist auch das Repertoire des Jazzchors, das von Standards wie "Shiny Stockings" über Latin-Nummern und ein afrikanisches Stück bis zu einem Tango Nuevo aus der Feder von Astor Piazzola reichte.


Der Auftritt der Sängerin Torun Eriksen gegen Ende des ersten Sets verlieh dem Konzert eine weitere, fasziniere Facette. Mit ihrer samtenen Altstimme hatte sie vor allem Balladen, die meisten von ihr selbst komponiert, im Repertoire. Zart und doch ungeheuer präsent agierte sie mit ihrer Stimme vor dem Hintergrund des Chors, der hier als Unterstützung, dort als gleichberechtigter Partner einbezogen war.

Von einem Freund habe er eine CD von Torun Eriksen bekommen, erzählte Bertrand Gröger, habe dann ein Konzert von ihr besucht, von dem er so begeistert gewesen sei, dass er sie sogleich gefragt habe, ob sie und der Jazzchor Freiburg zusammen auftreten könnten. 16 gemeinsame Konzerte hat es seitdem gegeben, nun gehen sie gemeinsam auf Tournee. Es sei ein Vergnügen und eine großartige Erfahrung für sie, ihre Songs in neuen Arrangements mit Chor aufzuführen, sagte sie.

"Prayers & Observations" heißt das jüngste Album von Torun Eriksen, die als Kind ihre Gesangskarriere in einem Gospelchor begonnen hat, und nicht von ungefähr besaßen ihre Lieder, verstärkt durch den Gesang des Chors, bisweilen eine ergreifende Feierlichkeit. Mit berührender Sanftheit und großer Eindringlichkeit sang Torun Eriksen ihre Jazzsongs und erwies sich als eine große und vielversprechende Stimme des vokalen Jazz’. Das Publikum in Weil am Rhein jedenfalls war sehr begeistert von diesem tollen Konzert und sparte nicht mit Applaus, so dass Chor und Sängerin bereitwillig Zugaben gewährten.  

Autor: Thomas Loisl Mink

 



 

 

 

 

Die Oberbadische / Weiler Zeitung / Markgräfler Tagblatt


 

Badische Zeitung, Samstag, 22. November 2008

Locker und sehr elegant

Der Pianist Erwin Helfer und der Saxophonist Skinny Williams im Alten Rathaus in Weil

Er trägt einen sehr deutsch klingenden Namen. Dennoch stammt Erwin Helfer aus Chicago und gilt als einer der bedeutendsten Vertreter des Chicago Blues. Seine Heimatstadt hat 2006 sogar eine Straße nach ihm benannt. Zwischen 1979 und 1984 war er häufiger Gast im Dreiländereck, bei Jazz in Weil war er zuletzt im November 1981 zusammen mit der Blues-Sängerin Big Time Sarah.

Am Donnerstagabend war der Blues- und Boogie-Pianist nach zweieinhalb Jahrzehnten wieder da und gab im bis auf den letzten Platz ausverkauften Saal des Alten Rathauses ein begeisterndes Konzert – zusammen mit dem Saxophonisten Skinny Williams, mit dem er unlängst eine CD eingespielt hat.

Er spiele heute besser Piano als damals, als er zuletzt hier war, scherzte Helfer am Beginn. In der Tat begeisterte der kleine, 72-jährige Mann mit seinem unspektakulären, aber lockeren und sehr eleganten Spiel die Zuhörer sofort. Manchmal recht spektakuläre Akzente setzte indessen sein Partner Skinny Williams mit virtuosem, dabei immer sehr harmonischem Spiel auf dem Tenorsaxophon.

Blues, Boogie und Balladen hatten die beiden im Gepäck, eine Menge altbekannter Jazzstandards, ein paar weniger bekannte Stücke aus den 30er und 40er Jahren, und einige von Erwin Helfer selbst komponierte Stücke. Von Boogie-Nummern vom Ende der 20er Jahre spannte sich der Bogen bis zu Herbie Hancocks „Watermelon Man" vom Anfang der 60er Jahre – auch das längst ein Standard.

Mit flinken, swingenden und immer melodiösen Läufen auf dem Tenorsaxophon faszinierte Skinny Williams gleich zu Beginn das Publikum, während Erwin Helfer ein rollendes Boogie Piano spielte. Gelangen den beiden Musikern bei den schnelleren Stücken mitreißende und spannende Interpretationen, so verstanden sie auch, sanfte Balladen so zu spielen, dass sie unter die Haut gingen. Den Klassiker „These Foolish Things" spielte Helfer wunderbar lyrisch, dabei mit dem perkussiven Anschlag des Boogie- und Blues-Pianisten, während Williams die Melodien zart hauchte und schweben ließ. Mit grandiosen, energiegeladenen Eskapaden faszinierte Williams nicht nur bei "Watermelon Man", während Helfer das Piano sehr voluminös zum Klingen brachte.

Auf Wunsch des Publikum spielte Helfer ein paar rasche Boogie-Nummern, für die es viel Applaus gab, und entschuldigte sich fast schon dafür, auch mal einen Slow Blues zu spielen, „Trouble in Mind", doch der Blues sei die Wurzel aller amerikanischen Jazz- und Popmusik, erklärte Helfer. Das Duo gab Reminiszenzen an die große Ära des Swing, aber auch an den New Orleans Jazz, denn Helfer hat mal für vier Jahre dort gelebt, wie er berichtete. Zwischen sehr schönen Versionen etwa von „Saint James Infirmary" oder Fats Wallers „Ain't Misbehavin'" platzierte Helfer seine eigenen, nicht minder bemerkenswerten Stücke. Es war ein wunderbares Konzert bei Jazz in Weil, das Freude machte und aus dem die Zuhörer begeistert herausgingen.

Thomas Loisl Mink


Erwin Helfer                                                                                                Foto: Veronika Zettler

 



 

 

 

 

Die Oberbadische / Weiler Zeitung / Markgräfler Tagblatt, Freitag, 20. Juni 2008

Neuer Blues aus dem Delta

Johnny Drummer & The Starliters spielten bei „Jazz in Weil“

Weil am Rhein. „What a night“, raunt Gitarrist „Al Gitar“ zur Begrüßung ins Mikrophon. In seiner Stimmlage sind schon diese drei Worte schönster Blues. Am Mittwoch begeisterten die „Starliters“ und Johnny Drummer bei „Jazz in Weil“ im Gewölbekeller des Alten Rathauses.

Thessex Johns wuchs im Mississippi Delta auf, sang als Jugendlicher im Kirchenchor und liebte die Musik von Ike Turner und Little Milton. In der Army lernte er Schlagzeug spielen, dann startete er nach und nach seine musikalische Karriere. Inspiriert vom Film „Johnny Guitar“ nannte er sich fortan „Johnny Drummer“ und spielte unter anderem in den Bands von Muddy Waters, Otis Spann und B. B. King.

Das ist lange her. Inzwischen hat der 70-jährige Johnny Drummer das Schlagzeug gegen Keyboards, Mundharmonika und Mikrophon ausgetauscht - das, so sagt er, sei seinem Alter angemessener. Doch gemächlich geht es bei Johnny Drummer und den „Starliters“ an seiner Seite mitnichten zu: die beiden Gitarristen Alvin „Al Gitar“ Short und Mike Pappas, Victor Herold am Bass sowie der Sänger und Schlagzeuger Vernell Powell bereiten den Zuhörern nicht nur ein erstklassiges Warm-Up mit viel Tempo und einem sehr satten, sehr lauten Sound, sie animieren das Publikum auch unermüdlich zum Mitgehen: „Shake the Hands“.

Zentrum ihrer Musik ist urbaner Chicago-Blues mit rocklastigen E-Gitarren-Riffs, viel Schmelz in ultratiefen Blues-Stimmen und jähen Harp-Höhenflügen. Wehmütiger Soul und funkige Grooves bilden die Stützpfeiler und sorgen zugleich für viel rhythmische Abwechslung. Im Repertoire haben sie neben Eigenem wie die R’n’B-Mitsing-Nummer „Rockin in the Juke Joint“ von Johnnys gleichnamiger CD jede Menge Klassiker, darunter wunderschöne Interpretationen von Bill Withers „Ain’t no Sunshine“ und Otis Reddings „Sitting On The Dock Of The Bay“. Kein Wunder, ließen sich gegen Ende einige Zuhörer zum Tanzen verführen.


„Wenn wir mal keinen Blues mehr spielen, sind wir tot“. Johnny Drummer mit Alvin „Al Gitar“ Short.

Übrigens: mit Jazz geht es in Weil schon in wenigen Tagen beim Bläserfestival weiter. Bei der „Jazznight“ am Freitag, 4. Juli, dürfen sich die Besucher auf zwei Marching-Bands und sechs Jazzbands freuen. „Jazz in Weil“ heißt es dann wieder am 20. November mit dem Jazzpianisten Erwin Helfer aus Chicago.

Veronika Zettler

 



 

 

 

 

Badische Zeitung, Freitag, 20. Juni 2008 zu Johnny Drummer and the Starlighters

Übersprudelnde Bluesparty
 

Blues im Keller, wo draußen endlich mal ein sommerlicher Abend ist? Ganz passend schien das Konzert von Johnny Drummer and the Starlighters am Mittwoch bei Jazz in Weil nicht zu sein. Dennoch werden es die zahlreichen Besucher, die in den Gewölbekeller des Alten Rathauses gekommen sind, nicht bereut haben: Der 70-jährige Veteran des Chicago-Blues und seine Band begeisterten mit frischer und knackiger Musik, die für Partystimmung sorgte. Blues muss nicht zwangsläufig traurig und depressiv sein. Chicago-Blues ist die kunstvollere und weniger archaische Form des Südstaaten-Blues, wie er vor allem im Mississippi-Delta gespielt wird. Er ist elektrisch, härter, rockiger. Johnny Drummer versetzt seinen Blues zusätzlich mit Gospel und Soul und Alvin "Al Gitar" Short von den Starlighters fügte dem ein am Funk orientiertes Gitarrenspiel hinzu. Diese Zutaten entfernten die Musik, die das Quintett im Gewölbekeller spielte, etwas von der düsteren Stimmung des Blues, gaben ihr etwas Lässiges und Ausgelassenes.

Johnny Drummer stammt zwar aus dem Delta, aus einem kleinen Ort namens Alligator, doch ging er schon als 16-Jähriger erstmals nach Chicago. Während seiner Militärzeit lernte er in Deutschland in der Nähe von Frankfurt Schlagzeug, wie er im Alten Rathaus verriet. Zurück in Chicago spielte er mit einigen Bluesgrößen und verwendete fortan nicht mehr seinen eigentlichen Namen Thessex Johns, sondern nannte sich Johnny Drummer. Dennoch wechselte er im Alter von 47 Jahren vom Schlagzeug zum Piano. Schließlich ist das Piano ein prägendes Instrument des Chicago-Blues, im Gegensatz zu dem von akustischen Gitarren dominierten Delta-Blues.

Und so präsentierte er sich in Weil, der letzten Station seiner Europa-Tour, als inspirierter und prägnanter Pianist und Sänger, in dessen Stimme die Rauheit eines langen und intensiven Lebens zu vernehmen war. Auch als Mundharmonikaspieler begeisterte er, ließ das Instrument wimmern und jaulen, sprechen und singen. Kraftvoll und rollend wie ein Dampfzug spielte die Band ihren energiegeladenen Blues. Das Publikum ließ sich von der ausgelassenen Musik mitreißen, klatschte mit, und einige tanzten sogar. Alvin "Al Gitar" Short faszinierte mit klaren, durchdringenden Gitarrensoli, und auch der zweite Gitarrist Mike Pappas erhielt Beifall für sein Spiel. Victor Herold, der für den erkrankten Bassisten der Band eingesprungen war, sorgte für den Groove, und Vernell Powell spielte locker und prägnant Schlagzeug. Einmal tat er sich auch als Sänger hervor, während Johnny Drummer zu seinem alten Instrument zurückkehrte und die Stöcke wirbeln ließ. Es war eine heiße, übersprudelnde Bluesparty.

Thomas Loisl Mink

 



 

 

 

 

Die Oberbadische / Weiler Zeitung / Markgräfler Tagblatt - Dienstag, 30. Oktober 2007


Jazz philosophisch
BassDrumBone mit Ray Anderson bei „Jazz in Weil“ Weil am Rhein

Die Inhalte avantgardistischer Kunst wechseln so schnell, dass viele nicht den Weg zum breiten Publikum schaffen. Beachtlich ist daher das Image des Trios „BassDrumBone“, an dem der Ruf des Avantgardistischen seit seiner Gründung vor 30 Jahren kontinuierlich haftet. Am Sonntag fand Ray Anderson, der vor genau 18 Jahren zum ersten Mal bei „Jazz in Weil“ auftrat, erneut den Weg nach „Weil am Rhein Kurt Weill“, wie er die Stadt liebevoll getauft hat. Während der Keller des Alten Rathauses mit rund 150 Personen an seine Kapazitätsgrenze stieß, genoss der 55-jährige Posaunist Anderson das Spiel vor seiner ihm ans Herz gewachsenen „erweiterten Familie“. Die Besetzung des Trios ist auch deshalb außergewöhnlich, weil Mark Helias am Bass und Gerry Hemingway am Schlagzeug keine herkömmliche Rhythmusgruppe bilden, sondern - unzählige Einflüsse verarbeitend - den Rhythmus autonom und kraftvoll in die Mitte stellen. Ray Anderson übernimmt über weite Strecken den Part des dritten Rhythmikers. „Rotzig“ nannten die Kritiker seinen schrägen Stil schon vor Jahren - und meinten damit etwas durchweg Positives.

Drei Instrumente, deren Spektren jeweils bis an die Grenzen ausgelotet werden, führen Gespräche von expressionistischer Prägung. Ungestüme Wildheit scheint ihre unterschiedlichen Sprachen zu einen, ein neurotischer Puls lässt Humor unter den Stücken schwelen - und fordert das Gehör des genießenden Publikums. In seinem mehrstimmigen Spiel erinnern Andersons Posaunenklänge und -geräusche oft an Tierstimmen. Mit dem steten Plungereinsatz immer im kraftvollen Beat der beiden Partner verbleibend, ertönt posaunistisches Vogelgezwitscher, jaulendes Hundegebell, ein surrender Insektenschwarm.

BassDrumBone huldigen mit ihrem unruhig brodelnden Sound dem Freien ebenso wie dem Genialisch-Verrückten, vor allem aber schaffen sie es, selbst für die Beschreibung des lyrisch Schönen eine dissonante und zerrissene Freejazz-Sprache zu verwenden und berauschend zu entfalten wie zum Beispiel in dem vielfältig durchbrochenen Stück „Rainbow“. Dass das Ganze etwas mit Philosophie zu tun hat, ist von Anderson selbst zu erfahren, wenn er wieder ein Stück mit einem schlichten Titel wie „Working Title“ ankündigt, das „really philosophical“ sei.

Veronika Zettler

 


Foto: Gerhard Berger

 



 

 

 

 

Badische Zeitung, Dienstag, 30. Oktober 2007  


Der Magier und die Schlange Das Trio BassDrumBone mit dem Posaunisten Ray Anderson spielte seine Zuhörer im Jazzkeller in Weil geradezu schwindelig

Wenn einer wie Ray Anderson sich über "Zwanzig Jahre Jazz in Weil" freut und keinen Zweifel daran lässt, dass er es ehrlich meint, dann muss schon was dran sein, an der ganz speziellen Atmosphäre des Kellers in der Hinterdorfstraße in Weil am Rhein, die Gäste von weit her lockt und stets fantastische Konzerte in Aussicht stellt. An diesem Abend steht einer der weltbesten Posaunisten auf der Bühne in Weils Jazzkeller und spielt einen mit dem Trio BassDrumBone gar schwindlig. Einem Magier gleich, der vor der (unsichtbaren) Schlange steht, lockt er die unglaublichsten Töne aus seinem Instrument hervor, lotet dabei stets dessen Grenzen aus. Dabei wirkt seine Musik wie angerissen, da sucht einer nicht den klaren Schnitt oder auch den Fluss in der Musik, er reißt auf und an, springt und hüpft und berauscht mit atemberaubenden Soli, um dann wieder nur mit seinem Spiel zu klecksen. So ist die Musik von BassDrumBone spielerisch und witzig. Voller Tempowechsel, immer überraschend und erfrischend anders.

Effekte verkommen nie zur Effekthascherei

Anderson setzt auf Effekte, die aber nie zur bloßen Effekthascherei verkommen. Mark Helias und Gerry Hemingway lassen ihm auch den Raum, den er braucht und brillieren doch beide ebenso wie der Mann an der Posaune. Bezeichnend, wie Mark Helias am Bass und Gerry Hemingway am Schlagzeug sich auf einen experimentellen Dialog einlassen, wie sie mit völlig anderen unerwarteten Techniken ihren Instrumenten neue Klangfarben verleihen, wenn Hemingway mit dem Geigenbogen über die Becken streicht, dann ergibt dies gemeinsam mit Mark Helias gestrichenem Bass völlig neue fließende Töne, ein Gegenstück zu Andersons eher rotziger, sprunghafter Spielweise. Das macht die Faszination dieses Trios aus, hier lassen sich drei Musiker ihre Freiräume und daraus wird ein komplexes Gesamtkunstwerk, das sich nie nur auf eine Richtung beschränkt.

Ray Anderson ist vielleicht der "Erste unter Gleichen", der mit BassDrumBone auch in erster Linie seine Musik zur Aufführung bringt. Aber er ist eben ein Teil des Trios. Gerry Hemingway perfektioniert die Schlagzeugkunst, findet stets neue Möglichkeiten für das Schlagzeug. Und wenn Mark Helias seine Hände gleichzeitig über den Hals des Kontrabasses laufen lässt und kaum erklärbar ist, wie denn nun die Töne angeschlagen werden, wird deutlich: Dieses Ausnahmetrio geht mit seiner Musik immer einen Schritt weiter, ja fast immer über das Bekannte hinaus.

Dabei ist Anderson die Tradition nicht fremd, da will einer mit ihr nicht brechen, sie nur weiter entwickeln. Traditionelles schimmert immer wieder durch in seinen Kompositionen, doch er macht diese "fit für die Zukunft", macht sie modern, mit fast spielerischer Leichtigkeit und technischer Brillanz. Ein ganz besonderer Konzertabend, durchaus aber nicht außergewöhnlich für "Jazz in Weil", wie Tonio Passlick anmerkte und damit das lange Engagement von Dieter Brunow würdigte.

Martina David-Wenk


Foto: Veronika Zettler

 



 

 

 

 

Die Oberbadische / Weiler Zeitung / Markgräfler Tagblatt  Dienstag, 18. September 2007

 

Gespür für Spannungen

„Masha Bijlsma and Superband“ waren zu Gast bei „Jazz in Weil“ / Dank an Dieter Brunow

 Weil am Rhein. Die Dankesworte an Dieter Brunow sprach am Sonntag Weils Oberbürgermeister Wolfgang Dietz. „Sie haben es für unsere kleine Stadt fertig gebracht, dass Leute hierher gekommen sind, die sonst nicht gekommen wären“. 75 hochkarätige Konzerte hat der leidenschaftliche Jazzliebhaber und profunde Jazzkenner für „Jazz in Weil“ organisiert. Jetzt, im Jahr des 20-jährigen Bestehens der Konzertreihe, will sich Dieter Brunow zurückziehen.

 

Moderne mitreißende Jazzarrangements mit funkiger Zielrichtung machten am Sonntag den Auftakt im Konzertsaal des Alten Rathauses. Powerjazz-Nummern, die durch einen ausgeprägten Sinn für Spannung und Entspannung sowie die harmonische Vielheit gegenläufiger Strömungen und Grooves begeisterten. Die holländische Jazzsängerin Masha Bijlsma, sie gastierte schon mehrfach in der Regio, kam mit ihrer „Superband“, die ihren Namen nicht zu Unrecht trägt: am Piano Rob van den Broeck, der viele Standards in abgefahrene Neuarrangements voller Turbulenzen wandelt, tief sitzend am Bass Henk de Ligt sowie am Schlagzeug der ekstatisch rhythmisierende Dries Bijlsma, der ein untrügliches Gespür dafür hat, wann die Becken einen Spannungshöhepunkt wie sonntägliches Kirchturmgeläut illustrieren müssen. Wenn er dann auch noch stöhnt wie weiland Keith Jarrett in Köln, gibt es schon mal feuchte Augen im Publikum.

 

Die gibt es auch bei den Bläserduetten. Seit drei Konzerten mit auf Tour ist der in Sydney geborene Posaunist Adrian Mears, der den jazzfreudigen badischen Süden nicht zuletzt dadurch bereichert, dass er ihn zur Wahlheimat gemacht hat. Ereignischarakter haben die Soli des aus Ungarn stammenden vielseitigen Multivirtuosen Tony Lakatos am Selmer-Tenor. Das Saxofon in Aufruhr, die Posaune im Tumult: zwischen den beiden begnadeten Bläsern entstehen bei aller elegant-filigranen Meißelung begeisternd expressive Dialoge. Dazu kommt die voluminöse und zu unerhörter Tiefe fähige Stimme der immer gut gelaunten Frontfrau, die als facettenreich schillernde Scatterin ebenso glänzt wie als bluesverbundene Soulinterpretin. Zum Beispiel in dem Stück „Go to hell“ von Nina Simone - die, so erklärt Masha, war „böse auf die ganze Welt“, was natürlich auch die Instrumente eindrücklich darzustellen wissen. Aber auch allein vom Bass begleitet, wie in dem Stück „Song for Ella“, klingt Mashas Stimme im Zuhörer nach.

 

Veronika Zettler

 



 

 

 

 

Badische Zeitung, Dienstag, 18. September 2007  

 

Sextett in bester Spiellaune

Masha Bijlsma und ihre Superband gastierten bei „Jazz in Weil“ im Alten Rathaus

Beim Konzert von „Masha Bijlsma and Superband“ im Konzertsaal des Alten Rathauses trafen zwei Jubiläen aufeinander –  das Ergebnis war ein swingendes erstes Jubiläums-Jazzkonzert vor nahezu vollem Haus. Die Veranstaltungsreihe „Jazz in Weil“ feiert ihr 20-jähriges Bestehen, die vierköpfige „Masha Bijlsma Band“  wird 15 Jahre alt und wurde zu diesem Anlass mit Posaunist Adrian Mears und Saxofonist Tony Lakatos zur sechsköpfigen „Super-Band“ erweitert.


Weils Oberbürgermeister Wolfgang Dietz bedankte sich im Vorfeld bei Dieter Brunow, dessen Verbindungen und Liebe zur Musik seit 20 Jahren dafür sorgen, dass renommierte Jazzmusiker bereits 75-mal den Weg in die Stadt der Stühle  fanden. Die Superband aus Holland kam mit vielen Eigenkompositionen und kreativ-progressiv interpretierten Titeln von Nina Simone, George Gershwin, Thelonius Monk bis zu Noa und Joni Mitchell angereist. Die Musiker, die ihr Handwerk bestens  beherrschten, überzeugten durch ausgeklügelte Arrangements in immer neuen Konstellationen. Eine ausgewogene Balance aus entspannten und groovenden Passagen, swingend, souverän und mit großer Spielfreude interpretiert, kennzeichnete die „Super-Band“ rund um die Bandleaderin. Gut gelaunt legte die Sängerin Bijlsma beachtlichen Tonumfang und große Ausdrucksbreite an den Tag.

Viel Raum für ausdrucksstarke Solo an Klavier und Bass

Mit warmer Stimme interpretierte sie anrührende Titel wie das Lied für ihre Tochter „Song for Ella“, hielt verhaltene Zwiegespräche mit Pianist Rob van den Broeck und Bassist Henk de Ligt und zeigte zupackende Power und Temperament bei lebhaften, stark rhythmusbetonten Eigenkompositionen wie „African Roots“. Hier ging auch der souverän im Hintergrund agierende Drummer Dries Bijlsma aus sich heraus und ließ es bei seinem Solo richtig krachen. Viel Raum für ausdrucksvolle Soli von still bis kraftvoll hatten der Pianist mit seinem pointiert-kristallinen Spiel und der Bassist, den es gegen Ende nicht mehr auf seinem Hocker hielt. Dazwischen fanden Bijlsmas Scat-Gesang, Posaune  und Saxofon mit swingend-komplexen Harmonien immer wieder zum groovenden Trio zusammen.
Lakatos (Saxofon), der Mann mit den atemberaubenden Läufen und Mears (Posaune) schufen mit ihren Soli beeindruckende Spannungsbögen von ganz entspannt bis zum Hochenergiebereich.

Mears entlockte darüber hinaus seinem Instrument erstaunliche Laute, er ließ es jauchzen, maunzen, knarzen und dämpfte es in der Zugabe auch mal mittels profaner Saugglocke aus Gummi – optisch eigenwillig, akustisch sehr wirkungsvoll.

Silke Hartenstein

 

 



 

 

 

John Abercrombie und Joe Beck [Die Oberbadische vom 29. Januar 2007]  


Duett gitarristischer Charakterköpfe Auftaktkonzert im Jubiläumsjahr:

John Abercrombie und Joe Beck bei „Jazz in Weil“ [von Veronika Zettler]  Weil am Rhein. Die Konzertreihe „Jazz in Weil“ startete am Samstag in das 20 Jahr ihres Bestehens. Im voll besetzten Gewölbekeller des Alten Rathauses waren mit John Abercrombie und Joe Beck zwei Gitarristen zu hören, von denen jeder auf seine eigene Weise Jazzgeschichte geschrieben hat. Ganz unterschiedlichen Biografien, in denen ganz unterschiedliche Stile entwickelt wurden, treffen bei Abercrombie und Beck zusammen.

Vor kurzem haben sie eine gemeinsame Tournee gestartet: Abercrombie, der gitarristische Poet aus New York, der seit Mitte der 70er Jahre als einer der einflussreichsten und stilistisch eigenständigsten Gitarristen des Jazz gilt, und Joe Beck aus Philadelphia, einer der renommiertesten Jazz-Rock- und Fusion-Spieler - auch einer der frühesten, und der erste Gitarrist, den Miles Davis in den 60er Jahren in eine Band aufnahm. Nach großen Erfolgen zog er sich, angewidert von den Entwicklungen im Musikgeschäft, von der Bühne zurück und erschien erst in den 90 er Jahren wieder auf der Bildfläche.

 Weil am Rhein ist eine der wenigen Tourstationen der Beiden und das Publikum ist neugierig, auf welcher Ebene zwei ausgeprägte Individualisten wie Beck und Abercrombie zusammengefunden haben. Gleich die klangbetont phrasierte Eingangsnummer weist den Weg und die verbindende Gemeinsamkeit auf. Filigran und außergewöhnlich dicht gewobene Klangteppiche prägen auch die weiteren Stücke des Abends. Doch das wäre zu wenig. In ausgedehnten Improvisationen transzendieren Beck und Abercrombie, hinter denen sich alte Marshall, Fender- und Laney-Verstärker aneinander reihen, ihre Musikgeschichte. Die „sanfte“ und zurückhaltende Jazzgitarre Abercrombies trifft auf die ausgreifenden Soli von Joe Beck, der selbst innerhalb seiner eigenen Stück immer wieder überraschend zu improvisieren weiß und sich, auch was die Verstärkerregelungen anbetrifft, ungebrochen experimentierfreudig zeigt. Variabel nimmt er alle möglichen Spielweisen auf, spielt mit Effekten, Steigerungen und exzentrischen Schlussakkorden, steuert nicht nur den Blues und Rockbrachialität kontinuierlich an, sondern lässt auch die Flamencogitarre zuweilen durchschimmern und dabei Flamencomeister Sabicas, mit dem er 1970 die legendäre Platte „Rock Encounter“ aufgenommen hat.

 Abercrombie und die luftigen Linien, die sein Markenzeichen geworden sind, begnügen sich dabei häufig damit, die virtuosen Beck-Soli ruhig und klangverliebt, häufig auch als Bassgrooves zu illustrieren. Ebenso sind seine eigenen Soli - da bleibt sich Abercrombie unbeirrbar treu - fragil und klangbetont. 20 Jahre Jazz in Weil - zu lange wäre die Liste der Glanzlichter geworden, um sie im Rückblick einzeln zu nennen. Kulturamtsleiter Tonio Paßlick beschränkte sich daher auf den Dank an Dieter Brunow, den Spiritus Rector der Konzertreihe.


Foto: Veronika Zettler

 



 

 

 

 

Der Kronprinz des Zydeco  (Bericht im Oberbadischen Volksblatt vom 11.4.2006)

Furioses Konzert von C.J. Chenier bei Jazz in Weil - und alles tanzt

Weil am Rhein (sap) Sechzehn Jahre nach dem gefeierten Auftritt von Fernest Arceneaux gab es für die städtische Konzertreihe Jazz in Weil nur noch eine Steigerung: Clayton Joseph Chenier gilt als der Kronprinz des Zydeco, der volkstümlichen Tanzmusik der Kreolen in Louisiana. Der Leader der legendären Red Hot Louisiana Band verbindet in seiner Musik Elemente des Funk, Southern Soul, Rock und Jazz. Im Haus der Volksbildung dröhnten am Sonntagabend die Bässe von Daniel Griffin und jaulte die Sologitarre von Timothy Betts in bester Funkmanier, während Akkordeon, Schlagzeug und Washboard das brodelnde Gebräu aus archaisch-kreolischer Tanzmusik und rockendem Rhythm & Blues erzeugten. Vor allem aber tanzte das Publikum und erfüllte damit die wichtigste Erwartung eines echten Zydeco-Musikers.

 

Als Sohn der kreolischen Akkordeon-Legende Clifton Chenier, der mit seiner „Red Hot Louisiana Band“ auf Lebenszeit den Thron als „King of Zydeco“ innehatte, beschäftigte sich C.J. Chenier zunächst lieber mit dem Saxofon und der Musik von James Brown und Miles Davis. Doch als Papa Chenier ihn mit 21 bat, den Saxofonpart zu übernehmen, begann er, sich mit dem Familienerbe auseinanderzusetzen. Und er begann, Gefallen an Zydeco zu finden. „Zydeco“ verbindet die schwarze Musik des Blues & Rhythm & Blues mit den Twosteps und Walzern der Cajuns, den Nachfahren der französischen Siedler in Louisiana. Als Clifton Chenier 1987 starb, erbte C.J. auch dessen Akkordeon.

Den Sound seiner „Red Hot Louisiana Band“ hat er seither noch heißer gemacht, indem er die traditionelle Zydeco-Melange mit Soul-, Jazz- und Rockzutaten kräftig nachgewürzt hat. Dennoch predigt er weiterhin das bewährte Credo der Familie Chenier: „Du kannst nicht zu meiner Show kommen, und den ganzen Abend unglücklich sein. Bevor du dich versiehst, hast du ein Lächeln im Gesicht und beginnst zu grooven.“

 

Und das schon bei der ersten Nummer, bei der der Leader auf die Bühne trat. Sofort stand die soulige Stimme und das meisterhafte Akkordeonspiel im Mittelpunkt. Clifton Junior hat den „Big Squeeze“ raus. Er besticht durch seine Virtuosität am Akkordeon, überzeugt durch seine Stimme und seine Texte, gibt der Tanzmusik der Bayous einen modernen Anstrich und schafft dadurch seinen ganz individuellen Zydecostil. Den Rest besorgt seine erstklassige Band:

Moderner, rockender Good-Time-Zydeco, der absolute Lebenslust verkörpert. James Alfred folgte dem Akkordeon mit seinem „frottoir“ oder „rubboard“, einem einfachen Waschbrett, auf dem mit Löffeln rhythmisch gerieben wird, quer durch den Saal. Thomas Lawrence am Schlagzeug verkörperte den erhitzten Teppich für die Tanzlust.

 

Die Qualität der Zydeco-Musik, so Rolf Schubert, der seit 20 Jahren mit Weil am Rhein als Musikagent zusammenarbeitet und die Musik eingangs erläuterte, wird in Louisiana an der Zahl der Tänzer gemessen, die sich anstecken lassen. Das begeisterte Publikum in Weil ließ sich nicht zweimal bitten.

 

C.J. Chenier mischt sich im vollbesetzten Haus der Volksbildung mit seinem Akkordeon unter das tanzende und tobende Publikum.

 

 

 

Da bleibt kein Fuß ruhig stehen . . .     (Bericht Badische Zeitung vom 14. Februar 2006)  

 

Jazz in Weil am Rhein: Die Marching Band „Ambassadors of New Orleans“ zeigte im Haus der Volksbildung eine geniale Show

 

Die Reihe „Jazz in Weil“ im Jahre 2006 begann mit einem besonders starken Auftakt: Die Marching Band „Ambassadors of New Orleans“ lieferte einen perfekten Auftritt und sorgten für wahre Begeisterungsstürme im Publikum. Ihren „Funky Mardi Gras“ präsentierte die sechsköpfige Band mit einer genialen Show im besten Sinne, die sich zwischen Blues, Funk, Cajun, traditionellen und selbstkomponierten Stücken bewegte und pure Lebenslust vermittelte.

 

Die Musiker, ein jeder neben beeindruckender Spielfertigkeit mit starker Bühnenpräsenz und Ausstrahlung ausgestattet, erreichten im Verband eine musikalische Schlagkraft, die vom ersten Titel an Menschen zum Mitklatschen und Mitwippen brachte. Wohl kaum jemand, dessen Füße ruhig auf dem Boden stehen blieben, der sich auf Dauer diesem Rhythmus und Groove, dieser lebendigen und pulsierenden Musik, entziehen konnte oder nicht wenigstens ein Mal in den Refrain einstimmte.

 

Die Bandmitglieder – Matt Perrine (Sousaphon), Rick Trolsen (Posaune), Brent Rose (Saxophon), Eric Lucero (Trompete), Kerry Hunter (Snare Trommel) und Caytaneo Hingle (Bass Drum) –, die sich selbst als Botschafter von New Orleans verstehen, wo sie in verschiedenen lokalen Jazz Formationen und Bands spielen, erfüllen ihre Aufgabe mit einer sichtlichen Freude und spürbaren Liebe zur Musik. Jede Komikeinlage, jede Schrittabfolge und Neuformation saß bis ins Detail und kam doch so locker und natürlich rüber, dass sie spontan und nicht inszeniert wirkte.

 

Die „Ambassadors of New Orleans“, die sich vor einem Jahr für ein Projekt des Basler Musikers George Gruntz zusammengetan hatten, befinden sich gerade auf Europatournee. Das Konzert im Haus der Volksbildung wurde zwischen Auftritten in Zürich und Karlsruhe eingeschoben. Pünktlich zu den Mardi Gras Paraden in New Orleans, die demnächst am 18. Februar beginnen, ist die Band wieder in ihrer US-amerikanischen Heimatstadt, um zu feiern. „New Orleans wird nach dem Hurrikan Unglück nie mehr so wie früher sein“, sagte Matt Perrine. „Aber in der Stadt hat sich ein optimistischer Geist verbreitet und wir werden New Orleans wieder aufbauen, besser und stärker als es zuvor jemals war.“

 

Gewiss ist, die authentischen Musiker tun nicht nur so, der Spaß, den sie zusammen auf der Bühne und durch die Interaktion mit dem Publikum haben, wirkt ungekünstelt und echt, und macht es einem leicht, sich für das Lebensgefühl des New Orleans Karneval zu öffnen, mitzumachen und einzutauchen in die bittersüße, einwickelnde Welt der momentanen Leichtigkeit. So war das Konzert nicht nur ein kulturell interessanter Beitrag erstmals passend zur Fasnachtszeit, sondern darf mit Sicherheit schon jetzt als einer der Höhepunkte der Veranstaltungsreihe gelten.

Daniela Buch

 

 

 

Kultur Dreiländereck Badische Zeitung vom Samstag, 5. Mai 2005  

 

Konzert der Extraklasse: Molinaro-Levy
 

Das Molinaro-Levy-Projekt gastierte in Weil am Rhein Wer sie nicht gehört hat oder wegen des ausverkauften Konzerts nicht hören konnte, wird ihnen wohl nachreisen müssen. Morgen sind sie in Paris, am Dienstag in Hamburg zu sehen; Chicago in zwei Wochen wäre dann noch etwas weiter. Die Reise wäre das Molinaro-Levy-Projekt aber wert. Kaum zu glauben, wie ein Mann am Flügel ganz beiläufig linkshändig jeden Kontrabassisten an Konzerthallenwände spielen könnte und daneben im Flug Bach mit Miles Davis zusammen bringt, sich mehrfach vor George Gershwin verneigt, hier und da etwas John Coltrane aufblitzen lässt. Anthony Molinaro kann sich kein Musiker als Bühnenpartner leisten, der nicht riskieren will, als schwache Begleitung vergessen zu werden.

 

Mag sein, es waren trotzdem andere Gründe, die Howard Levy, wie Molinaro einst dem Piano verschrieben, den eindrücklichen Steinway gegen etwas so Unscheinbares wie die Mundharmonika haben eintauschen lassen. Ein Fehler war die Entscheidung jedenfalls ganz offenbar nicht und an den Flügel setzt er sich hin und wieder auch noch. Ernsthafte Konkurrenten gibt es auf seinem Instrument für Levy heute nicht mehr allzu viele. Oder gibt es überhaupt welche? Wie Molinaro von der Klassik herkommend, zaubert der Chicagoer Harmonika-Virtuose mit seiner bevorzugten diatonischen Mundharmonika so ziemlich jeden nur denkbaren Zwischenton. Darüber hinaus ist es ihm ein Leichtes und oft genug auch in die Tat umgesetztes Anliegen, auch mit namhaften Symphonie-Orchestern aufzutreten. Violingleiche Stimmen spielt er dann ebenso schwerelos wie die rauen und stark mit den Händen modulierten Klänge des klassischen Gospel und Blues. Verschmolzen wird dabei nichts. Das Duo Levy-Molinaro vermischt seine Töne auf der Bühne so wenig, wie es die vielen verschiedenen Stile und Komponisten zu jener Unkenntlichkeit verrührt, die so vielen Crossover-Variationen eine gute Portion Ungenießbarkeit beschert.

 

Da stehen zwei Meister ihres Fachs im Scheinwerferlicht, die Konkurrenz ganz einfach nicht nötig haben, schon gar nicht gegeneinander. Über Gershwin haben die beiden, die jeder für sich auch in andere Formationen auftreten, erst vor vier Jahren zusammengefunden. Dessen Schöpfungen aus dem Fach des symphonischen Jazz spielen sie nach wie vor glaubhaft am liebsten und in diesem einen Fall auch näher beieinander als andere Stücke. Mit "19/8", einer Molinaro-Komposition, die nichts beibehält als wiederum beiläufig linkshändig eingespielte 19-Achtel-Bass-Linien, laufen Harmonika und Flügel dann ganz anders kaum nachvollziehbar mal mit-, mal neben-, mal gegeneinander, um schließlich doch zum gemeinsamen Ende zu finden. Noch virtuoser und mit allen Freiheiten jonglierend, die Musik überhaupt bieten kann, warf beim Weiler Konzert schon fast als Zugabe die Rhythmus-Variation "Sketchy" letztmalig alles, was wir bisher von Musik verstanden zu haben glaubten, über Bord.

 

Ein anderer Howard Levy stand dagegen vorher allein mit "Amazing Grace"; Molinaros anschließend leise gespielter Solo-Ausklang holte es auf diese Bühne zurück. Dieter Brunow und seinem Jazz in Weil sei aufrichtiger Dank. Andere müssen nach Chicago deshalb.

Annette Mahro

 

Schnappschüsse des Duos Howard Levy und Anthony Molinaro